Mediensucht: Warum kein Aufschrei?

Politik schützt Kinder nicht vor medialen Suchtgefahren

Das „Bündnis für humane Bildung“ fordert, dass die Bundesregierung mediale Suchtgefahren für Kinder endlich ernst nimmt. „Wie viele Warnungen vor diesen Risiken werden noch in den Wind geschlagen, bevor Politiker handeln?“, fragt der Kinder- und Jugendarzt Dr. Uwe Büsching, Kooperationspartner des Bündnisses. Der Kinder- und Jugendarzt ist auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Jugend und Kind“.

Dr. Büsching verweist auf eine aktuelle Stellungnahme der Suchtkommission, die für die jugendpsychiatrische Fachgesellschaft und Verbände (DGKJP, BAG KJPP, BKJPP) tätig ist: „Bis zum Schulbeginn sollen Kinder nur analog und nicht mit Hilfe digitaler Medien lernen und spielen“, schreibt die Kommission im Januar. „Suchtfördernde Verstärkungsmuster in Games müssen gesetzlich eingeschränkt werden.“ Denn die Ärzte sehen eine „Vielzahl von positiven Verstärkern“, um die Mediennutzung der Kinder zu intensivieren.

„Damit benennen die Kollegen ganz klar Suchtmechanismen, die in digitale Medienangebote eingebaut sind, um schutzlose Kinder in Abhängigkeit zu bringen“, erklärt dazu der Kinder- und Jugendarzt Dr. Büsching. Das sei ein Skandal, denn im Kindergarten würden auch keine Schnapsproben abgehalten.

Warnzeichen gibt es genug: im Oktober 2019 ließ die Krankenkasse „pronovaBKK“ 100 Kinderärzte befragen, welche Rolle digitale Medien in ihrer Sprechstunde spielen. Die Ärzte stellten Zusammenhänge her zwischen einer zunehmenden Mediennutzung und verschiedenen Diagnosen: 92 Prozent beobachteten eine Verbindung mit Übergewicht; 86 Prozent mit sozialen Auffälligkeiten; 82 Prozent mit Lernentwicklungsstörungen und 81 Prozent mit motorischen Defiziten. „Sicher, es sind Eindrücke aus der täglichen Praxis- Arbeit“, so Dr. Büsching. „Aber gerade deshalb sollten wir auf die Kinderärzte hören. “ Erschreckend sei auch, dass 74 Prozent der befragten Kollegen der Aussage zustimmten: „Von Seiten der Eltern wird die Mediennutzung ihrer Kinder völlig verharmlost.“

Dr. Büsching war selbst 2017 an der BLIKK-Studie beteiligt, die nachgewiesen hat, wie sehr digitale Geräte den Alltag kleiner Kinder durchdringen: „70 Prozent der Kinder im Kita-Alter benutzen das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich.“ Bei Säuglingen stellten die Wissenschaftler „Fütter- und Einschlafstörungen“ fest, wenn Eltern bei deren Betreuung digitale Medien nutzten. Das kann ein wichtiger Hinweis auf Bindungsstörungen. Auch die „American Academy of Pediatrics“ (AAP) empfiehlt seit 2011, Kleinkinder nicht mit Bildschirmen zu konfrontieren, weil das u. a. zu Sprachentwicklungsstörungen führen kann.

„Es folgt Studie auf Studie“, sagt dazu Prof. Dr. Manfred Spitzer, Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Er ist auch Gründungsmitglied im „Bündnis für humane Bildung“ und kritisiert: „Der digitale Blindflug der Politik geht aber weiter!“ Auf Kosten einer Generation, die um wesentliche Entwicklungschancen betrogen wird, so Spitzer. Es müsste längst ein Aufschrei in der Öffentlichkeit erfolgen, stattdessen würden Milliarden aus dem Digitalpakt versenkt, und zwar in fragwürdigen IT-Projekten an deutschen Schulen. „Wir benötigen dringend in den Kindergärten und Grundschulen eine Kompensation der digitalen Überflutung, wie sie in vielen Familien üblich ist“, sagt der Experte. „Kinder brauchen Musik, Sport, Natur und soziale Resonanz, um sich gesund zu entwickeln. Das schafft keine Software!“

Daher unterstützt Spitzer die europaweite Petition, die sein Bündnis mit dem anthroposophischen Netzwerk ELIANT gestartet hat: „Für ein Recht auf bildschirmfreie Kitas, Kindergärten und Grundschulen“. Spitzer ist überzeugt: „Wer Kinder früh schützt, gibt Ihnen mehr Chancen im digitalen Zeitalter.“

Pressekontakt: Ingo Leipner / Mob. 0162-8192023 / presse@aufwach-s-en.de

Der Text als PDF:  Presse-Information Mediensucht

Bündnis für humane Bildung: Hochschullehrer, Wissenschaftler und engagierte Bürger gründeten 2017 das „Bündnis für humane Bildung“. Ihre Überzeugung lautet: Bildung lässt sich nicht digitalisieren! Digitale Instrumente können Bildungsprozesse nur unterstützen. Alternativen sind gefragt.

Website: http://www.aufwach-s-en.de

Petition: „Für ein Recht auf bildschirmfreie Kitas, Kindergärten und Grundschulen“, https://bit.ly/2SAHuPY

Bündnis für humane Bildung als Interessengemeinschaft (IG) vertreten durch:
Peter Hensinger, Prof. Dr. phil. Ralf Lankau und Ingo Leipner