Digitale Medien im Kreuzfeuer der Kritik

Vier Perspektiven – eine Botschaft für die Bildungspolitik

„Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter“ (1), heißt es im Buch „Die Lüge der digitalen Bildung“ … und Prof. Ralf Lankau schreibt kurz und knapp: „Kein Mensch lernt digital“ (2). Für diese provokativen Positionen gibt es gute Gründe. Wir veröffentlichen sie zum ersten Mal gebündelt in einem Papier, das aus vier Perspektiven wesentliche Aspekte der Kritik zusammenfasst. Schnell auf den Punkt gebracht – mit aller Tiefe, die angemessen ist. Eine Publikation des „Bündnis für humane Bildung“ in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk „ELIANT“.

1. Perspektive: Psychische Entwicklung des Kindes.
Das Positionspapier von ELIANT beleuchtet die individuelle Situation von Kindern, die zu früh mit digitalen Medien konfrontiert werden. Das kann negative Folgen für deren psychische Entwicklung haben, etwa bei der emotionalen Intelligenz oder kognitiven Reifeprozessen (Impulskontrolle, Belohnungsaufschub, Suchtverhalten etc.). Daher fordert ELIANT u. a. eine evidenzbasierte Forschung, um den Einfluss digitaler Technologie auf die Gesundheit der Kinder zu untersuchen.

2. Perspektive: Gehirnreife aus Sicht der Neurobiologie.
Die Neurobiologin Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt vertieft aus ihrer Perspektive die Erkenntnisse von ELIANT. Sie zeigt, wie stark digitale Medien in das Gehirn von Kindern eingreifen, indem sie u. a. suchtauslösende Impulse setzen. „Dauerhaft trainierte Muskeln vollbringen gute körperliche Leistung“. Das gilt auch für das Gehirn, das nur durch eine „größtmögliche Eigenaktivierung“ zu geistigen Leistungen in der Lage ist. Es ist ratsam, das Gehirn (=„brainy“) mehr zu benutzen als das „handy“.

3. Perspektive: Schule ohne Überwachung.
Prof. Ralf Lankau verortet digitale Konzepte für Unterricht nicht in der Pädagogik, sondern in Kybernetik und Behaviorismus. Lernen wird zu einem mess- und steuerbaren Prozess umgedeutet, wobei der Erfolg mit Methoden des Total Quality Managements (TQM) zu bestimmen ist. Bildung wird ökonomisiert, obwohl sie eigentlich an menschliches Bewusstsein gebunden ist, nicht an Medien(technik). Daher ist Lernen endlich wieder als individueller und sozialer Prozess zu verstehen.

4. Perspektive: Gesellschaftliche Dimensionen.
Die moderne Daten-Ökonomie beginnt im Bildungssystem, wo sich bereits wertvolle Erkenntnisse über Schüler gewinnen lassen, etwa durch Lernprogramme, die jeden Schritt am Rechner dokumentieren (Learning Analytics). Daher wirft Ralf Lankau die prinzipielle Frage auf: „Bleibt der Mensch als Individuum, Persönlichkeit und autonomes Subjekt das Ideal freier Gesellschaften oder wird er zum Datenlieferanten eines zu perfektionierenden Datenverarbeitungssystems?“

Vier Perspektiven – eine Botschaft für die Bildungspolitik: Statt sich einem ökonomisch und technologisch getriebenen Hype kritiklos in den Rachen zu werfen, sollte die Bildungspolitik grundlegend darüber nachdenken, was Kinder in einer sich digitalisierenden Welt wirklich brauchen: realweltliche Erfahrungen, zwischenmenschliche Interaktion, Entwicklung emotionaler Intelligenz. Das macht sie stark, um später gut mit Computern arbeiten zu können.

Alle Texte als PDF: 4 Perspektiven (Gesamt-PDF)

Ingo Leipner (Bündnis für humane Bildung)

Bündnis für humane Bildung

Hochschullehrer, Wissenschaftler und engagierte Bürger gründeten 2017 das „Bündnis für humane Bildung“. Ihre Überzeugung lautet: Bildung lässt sich nicht digitalisieren! Digitale Instrumente können Bildungsprozesse nur unterstützen. Alternativen sind gefragt. Website: http://www.aufwach-s-en.de

Allianz ELIANT

2006 gründeten zehn europaweit tätige Dachorganisationen die „Europäischen Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie“ (ELIANT). Die Allianz setzt sich auf verschiedenen Lebensgebieten und Arbeitsfeldern für mehr Lebensqualität und kulturelle Vielfalt in Europa ein. Website: https://eliant.eu/home

Petition

Grundschulen und Kindergärten sollen digitalfreie Zonen bleiben, um Raum für reale Lebenserfahrungen zu bieten. Um diese Forderung zu untermauern, haben das „Bündnis für humane Bildung“ und ELIANT eine europaweite Petition ins Leben gerufen. Website: http://www.aufwach-s-en.de/2018/03/petition-eliant-und-buendnis-fuer-humane-bildung/

Pressekontakt („Bündnis für humane Bildung“)

Ingo Leipner / Mob. 0162/8192023 / ingo.leipner@ecowords.de

1) Lembke, Gerald / Leipner, Ingo (2018): „Die Lüge der digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen“, 3. Aufl. Redline, München
2) Lankau, Ralf (2017): „Kein Mensch lernt digital: Über den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht“, Beltz, Weinheim