Serienmäßig Massenmord

Rohe Gewalt ist nicht das einzige Problem, wenn Kinder „Squid Game“ schauen.

Von Uwe Büsching, Ralf Lankau und Ingo Leipner

Schon die Auswahl ist ein Skandal: Rund 500 Menschen werden zu scheinbar harmlosen Kinderspielen eingeladen. Die Voraussetzung sind hohe Schulden im realen Leben – und der Gewinner könnte mit einem Preisgeld in Millionenhöhe sein Elend beenden … So wird eine Notlage ausgenutzt, aber: Wer im Spiel versagt, wird grausam ermordet! In der ersten Folge wird so über Minuten einen Massenmord in Szene gesetzt – und nicht mit spritzendem Blut gespart.

Auf diese Weise startet die südkoreanische Netflix-Serie „Squid Game“. Da sie Gewalt verherrlicht und verharmlost, stößt sie in Deutschland auf scharfe Kritik. Ein Anlass, um nicht nur die inhaltliche Ebene der Wirkung digitaler Medien zu diskutieren. „Squid Game“ ist ein guter Grund, um auf die grundsätzlich negative Wirkung digitaler Bildschirmmedien bei Kindern und Jugendlichen aufmerksam zu machen (siehe Artikel: Bildschirme als Zeitfresser).

Der Inhalt der Serie

Die Serie steht für puren Sozialdarwinismus: „Unternimm alles, um zu überleben!“. Und es spiegelt sich in ihr eine ungeheure Egozentrik: „Ich will leben, auch wenn alle anderen dafür sterben müssen.“ Der Name „Squid Game“ (Tintenfisch-Spiel) verhüllt diese tieferen Ebenen: Die Spiele in der Serie spielen eigentlich südkoreanische Kinder, was nichts über den wahren Charakter der Serie verrät. Denn auf dem Bildschirm tobt ein brutaler Wettkampf auf Leben und Tod, bei dem Menschen wie im römischen Zirkus aufeinandergehetzt werden, um sich gegenseitig umzubringen. Zur „Gaudi“ des Publikums auf den Rängen – und das sind im modernen „Circus maximus“ Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen. „Die Folgen erinnern im Prinzip an die Hunger-Spiele aus dem Science-fiction-Film ‚Die Tribute von Panem‘ sowie an eine moderne Version der Achtzigerjahre-Spielshow ‚Takeshi’s Castle‘.“ (1)

Dabei entstehen gleich mehrere (psycho-soziale) Probleme:

  1. Die Folgen sind (an sich) nur für Erwachsene erträglich und müssten als DVD oder Angebot eines Fernsehsenders entsprechend gekennzeichnet sein (ab 18). Sie sind aber ein Streamingangebot aus dem Netz und unterliegen so nicht der Pflicht zur Sichtung durch die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK). Anbieter im Online-Bereich können selbst einschätzen, ob ihre Inhalte für Kinder bzw. Jugendliche einer bestimmten Altersstufe entwicklungsbeeinträchtigend sind. Der Anbieter Netflix weist die Serie in seinem Streaming-Angebot mit der Altersbewertung „16“ aus. Dabei handelt es sich nicht um eine Altersfreigabe der FSK.(2)
  2. Die einzelnen Folgen einer Staffel sind dramaturgisch so inszeniert und am Ende auf einen spannenden Höhepunkt zugeschnitten („cliff hanger“), so dass Suchtverhalten ausgelöst werden kann, die nächste Episode (sofort!) weiter zu sehen. So werden ganze Staffeln am Stück geschaut – ohne Zeit zur Reflexion bzw. einer Pause für Körper, Seele und Geist. Die Folge ist „binge-watching“: Serienkonsum bis zur physischen und mentalen Erschöpfung. Wie in den Social Media erreichen die Produzenten von „Squid Game“ ihr Ziel: Der Zuschauer wird zum Dauer-Werbekunde!
  3. Spannung und Dramaturgie provoziert eine starke emotionale Beteiligung. Sie steigern das Suchtverhalten und das Verlangen, ähnlich gelagert Angebote zu schauen (oder als Computerspiel zu spielen). Es ist letztlich nur eine Frage der Zeit (und Marktlage), bis es „Squid Game“ auch als Computerspiel gibt.
  4. Um die Einschaltquoten zu halten, muss die Brutalität und die Gewalt ständig gesteigert werden, visuell und akustisch. Die Brutalität macht die Zuschauer zunehmend passiv und handlungsunfähig. Die Darstellungen werden obsessiver, die Gewalt obskurer, um die Kunden (Zuschauer) am Bildschirm zu halten.
  5. Die eigene Wahrnehmung stumpft mit der Zeit ab, Töten wird „normal“. Explizite Gewaltdarstellungen in Filmen und Computerspielen werden als regulärer Teil der Handlung und des eigenen Handelns empfunden, wenn auch zunächst virtuell. Die Schwellen zu Ekel oder Abwehrreaktionen werden immer weiter verschoben, letztlich bis zur Endstufe der Empfindungslosigkeit gegenüber Gewaltakten.

Aus diesen Punkten ergibt sich die Gefahr für Kinder- und Jugendliche, die Netflix aber gekonnt in die besondere Verantwortung der Eltern überträgt:

„Der Kids-Bereich von Netflix ist bereits in Ihrer Mitgliedschaft inbegriffen und gibt Eltern die Kontrolle über das Unterhaltungserlebnis ihrer Kinder, damit diese familienfreundliche Serien und Filme in einem eigens auf ihre Bedürfnisse abgestimmten Bereich genießen können.
Kinderprofile sind mit einer PIN-geschützten Kindersicherung versehen, mit der Sie die Altersfreigabe von Titeln einschränken können, die angezeigt werden, und bestimmte Titel für Kinder sperren können.“ (3)

Im Klartext: Eltern müssen Netflix oder andere Streamingdienste kindersicher machen und die Bildschirmzeit aktiv begrenzen.

Aber auch die Politik ist zum Schutz der Jugend gefordert: Wenn bei den Eltern die generelle Bereitschaft wächst, den dysregulierten Gebrauch digitaler Bildschirmmedien im Kindes- und Jugendalter einfach zu akzeptieren, dann muss die Politik eingreifen. „Squid Game“ ist von Netflix freigegeben ab 16 Jahren. Wieso können dann Kinder in Kindergarten und Grundschule Szenen nachspielen? Das neue Jugendschutzgesetz ist seit Mai 2021 gültig … Warum wird es nicht angewendet? Wir protestieren, weil Kinder fortgesetzt und ungehindert einen staatlich akzeptierten Zugang zum Internet haben. Den Kinder- und Jugendschutz müssen politische Entscheidungsträger auch auf Streamingdienste anwenden, indem sie etwa altersabhängige Zeitfenster vorgegeben, wie bei öffentlich-rechtlichen Sendern. Dort sind bestimmte Sendungen erst nach 22.00 Uhr zu sehen, inklusive eines Altersnachweises.

Trotz staatlicher Regulierung: Immer bleiben die Erwachsenen dafür verantwortlich, was Kinder zu sehen bekommen. Eltern haben sich um ihre Kinder zu kümmern – gerade, wenn es um digitale Medien geht.

  1.  Ignor, Sarah (2021), ebenda
  2.   FSK (2021): “Serie ‚Squid Game’ wurde nicht von FSK geprüft“, in: https://www.fsk.de/?seitid=3040&tid=188 vom 12.12.2021
  3.   Netflix (2021): „Ist Netflix gut für Kinder?“, in: https://www.netflix.com/de/ vom 12.12.2021