Pressemappe zum Pressegespräch „Kein Mensch lernt digital“

Alle Presseinformationen und Statements des Pressegesprächs vom 9. Oktober 2017 in Stuttgart sind hier als pdf-Dokument abrufbar.

Presseinformation: „Wozu ein Bündnis für humane Bildung
Presseinformation: „Sieben Forderungen des Bündnisses an die Bildungspolitik
Presseinformation: „Empfehlungen des Bündnisses für ein altersangemessenes Lernen mit digitalen Medien

Statements der Beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Bündnisses:
Statement Paula Bleckmann
Statement Gertraud Teuchert-Noodt
Statement Edwin Hübner
Statement Matthias Burchardt
Statement Gerald Lembke
Statement Ralf Lankau

 

 

 

 

 

Sieben Forderungen für eine neue Bildungspolitik – „Der Mensch ist des Menschen Lehrer“

Presseinformation
Stuttgart, 9. Oktober 2017

Zur Pressemappe mit allen Beiträgen (Presseinformationen und Statements) des Pressegesprächs

Das Bündnis für humane Bildung hat am 9. Oktober in Stuttgart bei einem Pressegespräch über die Entstehung, Ziele und Forderungen des Bündnisse informiert. Teilnehmer des Pressegespräches waren: Dr. Matthias Burchardt, Prof. Dr. Paula Bleckmann, Peter Hensinger, Prof. Dr. Ewin Hübner, Prof. Dr. Lankau, Prof. Dr. Gerald Lembke. Das Bündnis appelliert an die Verantwortlichen in der Bildungspolitik: „Besinnen Sie sich. Machen Sie öffentliche Bildungseinrichtungen zukunftsfähig, indem Sie Schulen als Sozialverbund stärken. Nicht Medientechnik oder Computer sondern der Mensch ist des Menschen Lehrer!“ Das Bündnis unterstreicht seinen Appell mit Sieben Forderungen an die Bildungspolitik und mit konkreten Empfehlungen, wie Kinder in der Schule bestmöglich und weitgehend mit analogen Lehrmitteln auf das digitale Zeitalter vorbereitet werden können – ohne dabei auf elektronische Hilfsmittel zu verzichten.

Seit mehr als 30 Jahren läuft die Debatte über den Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Dabei erweist sie sich als weitgehend ergebnis- und orientierungslos, getrieben weitgehend von den Interessen der Bildungs- und Digitalindustrie. Jüngere Ankündigungen und Beschlüsse aus den führenden politischen Bildungsgremien, dem Bundesforschungs- und Bildungsministerium (BMBF) und der Kultusministerkonferenz (KMK), haben die Debatte auf Bundes- und Länderebene verschärft und in eine ökonomisierte Richtung getrieben: Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) stellte im „Digitalpakt#D“ fünf Milliarden Euro Digitalisierungsunterstützung in Aussicht, stellte dieses Vorhaben jedoch bald wieder unter Finanzierungsvorbehalt. Unter der Leitung ihrer Präsidentin und Kultusministerin Baden-Württembergs, Susanne Eisenmann, hat sich auch die Kultusministerkonferenz der Digitalisierungsoffensive angeschlossen – und fordert im vorauseilenden Gehorsam den verpflichtenden Einsatz digitaler Geräte im Unterricht. Vor allem diese beiden politischen Vorstöße waren Anlass genug, dem bei Lehrern und Eltern verbreiteten Unbehagen über eine durchdringende Digitalisierung von Schulen und Unterricht eine vernehmbare Stimme zu verleihen – im „Bündnis für humane Bildung“.

Pakt für eine demokratische und humane Bildung
Das „Bündnis für humane Bildung – aufwach(s)en mit digitalen Medien“ ist ein Zusammenschluss von Bürgerinnen und Bürgern, die sich für eine humane und demokratische Bildung in allen öffentlichen Bildungseinrichtungen einsetzen. Angeschlossen haben sich hier Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen, unter anderem aus der Kognitionsforschung, der Entwicklungspsychologie und der Pädagogik. Sie alle verweisen darauf, dass es bisher keinerlei evidente Nachweise für einen sinnvollen Einsatz von digitalen Medien im Klassenzimmer gibt. Ganz im Gegenteil wenden sich in der Praxis auch die Vorreiter-Nationen wie Südkorea oder Finnland angesichts gesundheitlicher Schädigungen und fehlenden Lernerfolgs wieder einem gemäßigten Einsatz von digitalen Geräten im Unterricht zu. “Wir müssen es als Realität betrachten, dass Technologie an unseren Schulen mehr schadet als nützt“, bilanziert Andreas Schleicher, Direktor für Bildung bei der OECD jüngst im Interview gegenüber einer australischen Zeitung.

Grundsätzlich hält es das Bündnis für wichtig, über Zukunftsstrategien für öffentliche Schulen zu diskutieren und auch länderübergreifend zu kooperieren – allerdings sei es falsch, Konzepte nur an Digitaltechnik und zentralisierten Strukturen festzumachen.

„Partikularinteressen von IT-Wirtschaft und Arbeitgeberverbänden“
Die angeblich notwendige „Digitalisierung aller Bildungseinrichtungen“, so das Bündnis, sei mehr Ideologie als zukunftsweisende Strategie. „Seit wann orientieren sich Bildungsprozesse an neuer Medientechnik oder den Update-Zyklen der IT-Wirtschaft?“, fragt Bündnis-Sprecher Professor Dr. Ralf Lankau aus Offenburg. „Geräte der Unterhaltungsindustrie verpflichtend in den Unterricht zu integrieren, ist weder pädagogisch noch bildungspolitisch zu begründen. Diese Pakte bedienen ausschließlich Partikularinteressen der IT-Wirtschaft und der Arbeitgeberverbände.“

Bereits die Begriffe und Prämissen der Digital-Pakte seien falsch, argumentiert das Bündnis. Kein Mensch lerne „digital“ und weder Bildung noch Lernprozesse ließen sich digitalisieren, allenfalls Lerninhalte. Wer von „Bildung in der digitalen Welt“ spreche, solle lieber korrekt von „digitalen Medien im Unterricht“ oder von „Medien für Selbstlernphasen“ sprechen.

Wer pädagogisch argumentiere, so das Bündnis, dürfe nicht auf digitale Medien verkürzen, sondern müsse das gesamte Spektrum analoger wie digitaler Medien berücksichtigen und diese nach didaktischen Prämissen einsetzen. Wer die Bedeutung der Lehrenden für Bildungsprozesse verstanden habe, der überlasse es der einzelnen Lehrpersönlichkeit, adäquate Medien für konkreten Zweck einzusetzen. Denn Lehrerinnen und Lehrer wählen den Medieneinsatz wie Unterrichtsmethoden nach Altersstufen, Schulformen und Fachinhalten – und nicht nach Vorgaben aus der IT-Wirtschaft oder der Kultusminister. Kitas und Grundschulen sollten ganz frei bleiben von elektronischen Bildschirm- und Digitalmedien, fordert das Bildungsbündnis.

Zwang zum Medieneinsatz beschädigt Föderalismus und Methodenfreiheit
Es sei daher überaus irritierend, dass Kultusminister öffentliche Bildungseinrichtungen zum Einsatz bestimmter Medientechniken zwingen wollen. Sie beschädigen sowohl den Föderalismus wie die Methodenfreiheit. Sie zentralisieren Entscheidungen auf Bundesebene, die kompetent nur in den Schulen selbst entschieden werden können. Sie greifen in strategische Entscheidungen der einzelnen Schulträger und Länder ein und binden die Finanzbudgets mit Fünfjahresplänen und technischen Vorgaben (vom Bildungsserver über Cloud Computing bis zu WLAN), ohne den Nutzen von Medientechnik im Unterricht belegen zu können, so das Bündnis.

Die Aufgabe der Kultusminister sei es vielmehr, dafür zu sorgen, dass alle Kinder, unabhängig von der Finanzkraft ihrer Eltern, Schulen besuchen könnten, in denen sie von realen Menschen unterrichtet, betreut und gefördert werden. Nur wenn Bildungseinrichtungen soziale Lernorte blieben, habe die nachfolgende Generation Zukunftsperspektiven auf einem ungewissen Arbeitsmarkt in einer hochtechnisierten Welt.

Die entscheidende Größe für gute Schule und Unterricht seien Lehrpersönlichkeiten – nicht etwa der digital standardisierte Unterricht mit automatisierter Kontrolle aller Lernschritte. Dies könne kein Ziel von Schule und Unterricht in demokratischen und humanen Gesellschaften sein – nur im sozialen Miteinander können Menschen ihre Fähigkeiten entfalten.

Bündnis-Appell an Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerium:

„Besinnen Sie sich. Machen Sie öffentliche Bildungseinrichtungen zukunftsfähig, indem Sie Schulen als Sozialverbund stärken. Nicht Medientechnik oder Computer sondern der Mensch ist des Menschen Lehrer!“