Wolkige Versprechen

Schul-Cloud heute auf dem Digital-Gipfel vorgestellt

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek informierte sich heute auf dem Nürnberger Digital-Gipfel, wie weit das Projekt „Schul-Cloud“ gekommen ist. „Über die erheblichen Risiken und Nebenwirkungen hat kein Mensch gesprochen“, kritisiert Prof. Ralf Lankau vom „Bündnis für humane Bildung“. Entwickelt wird die „Schul-Cloud“ vom privaten „Hasso-Plattner-Institut“ (HPI), gemeinsam mit dem Netzwerk MINT-EC.

Diese Cloud soll bundesweit digitale Inhalte in Schulen nutzbar machen – ohne dass vor Ort kostspielige Investitionen in Hardware notwendig seien. Einfache Anzeige-Geräte, auch private Smartphones, sollen ausreichen. „Das klingt viel zu schön, um wahr zu sein“, so Prof. Lankau, „ein zentral aufgebautes und personalisiertes IT-System wie die Schul-Cloud‘ funktioniert aber nur mit personenbezogenen Daten. Das ist der Hasenfuß.“

Das „Bündnis für humane Bildung“ sieht Gefahren besonders im „Rückkanal“ der Technologie: Damit „eLearning“ funktioniert, müssen die Programme alle Aktionen des Schülers speichern. „Das gilt für alle Tastenanschläge, jeden Abbruch beim Lernen, jede falsche oder richtige Antwort und jeden Mausklick“, erläutert Prof. Lankau. Genauso wird das Lerntempo erfasst – und die Forschung arbeitet bereits an biometrischen Merkmalen, um z. B. Motivation und Stress-Level zu messen. „Der gläserne Schüler ist das Ziel“, sagt der Medienwissenschaftler, „und in der Schul-Cloud laufen diese Informationen zentral zusammen.“ Der Begriff „Cloud“ stehe dabei für zentralisierte Server-Farmen im Netz. „Im Netz produzieren wir ständig selbst Daten, die IT-Firmen mit Hilfe von Big Data auswerten, um Persönlichkeits- und Verhaltensprofile zu erstellen“, erklärt Prof. Lankau. Personenbezogene Daten seien die Basis der Digital-Ökonomie, „was auch im Bildungssektor gilt. Der Begriff dafür ist Learning Analytics. Das Ziel: Big Data is teaching your children.“

So stellt das HPI zur wirtschaftlichen Seite des Projekts fest: „Die Schul-Cloud wird dazu beitragen, einen prosperierenden Bildungsmarkt mit innovativen digitalen Bildungsprodukten zu etablieren.“ Damit bereitet das private Institut den Boden, um Bildung weiter zu privatisieren und zu kommerzialisieren. Der wissenschaftliche HPI-Direktor, Prof. Christoph Meinel, schreibt dazu in der FAZ: „Es macht einen qualitativen Unterschied, ob Bildungsinhalte für einen potentiellen Markt von 40.000 Schulen entwickelt werden oder für 10.000.“

Dabei gibt es Alternativen, z. B. „Edge Computing“: Sensible Daten werden nur lokal und offline generiert und direkt vor Ort verarbeitet. So schützen bereits Unternehmen Betriebsgeheimnisse. „Warum sollte das nicht für Schülerdaten gelten?“, fragt Prof. Lankau. Mit Linux als Betriebssystem und Open Source-Software ließe sich im schulischen Intranet alles offline lernen – vom Programmieren über Anwendungen wie Textverarbeitung oder Filmschnitt bis zum Webpublishing. Prof. Lankau: „So verlieren wir keine Schülerdaten ins Netz“. Recherchen im Internet? Dafür können wenige Rechner online zur Verfügung stehen, speziell konfiguriert, etwa durch „White Lists“.

Denn für weiterführende Schulen kann der Einsatz von IT durchaus sinnvoll sein. Kindergärten und Grundschulen hingegen müssen bildschirmfrei bleiben – aus entwicklungspsychologischen Gründen. Das fordert das Bündnis mit dem anthroposophischen Netzwerk ELIANT in einer europaweiten Petition (Web: http://www.aufwach-s-en.de/2018/03/petition-eliant-und-buendnis-fuer-humane-bildung/).

„Wer bestimmt über die Technik an Schulen? Die IT-Wirtschaft?“, diese Fragen wirft Prof. Lankau auf. Kein Bildungplan sehe vor, Lernprozesse algorithmisch zu steuern. „Wer der IT-Wirtschaft das Feld überlässt, fördert lediglich die Märkte der Daten-Ökonomie.“

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